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Asylbewerber freuen sich ber zustzliches Geld, bleiben aber zur Unttigkeit verdammt


MAZ [21.7.2011]
POTSDAM / SCHLAATZ - Die weien Wnde sind mit Bildern tapeziert. Ein afrikanisches Dorf, ein Saxophonspieler, bunte Masken. Die Liste knnte unendlich fortgefhrt werden. Nicht nur an den Wnden hngen Bilder. Sie stehen auf Sthlen und Tischen, in der Zimmerecke. Auf einer Leinwand sind die Umrisse von Oberbrgermeister Jann Jakobs zu erkennen. Sein orientalischer Hut leuchtet rot. Der Maler, Samko, steht zwischen den Gemlden. Er ist einer von rund 170 Asylbewerbern, die derzeit im Heim am Nuthetal leben. Er sei mde vom vielen Schlafen, sagt er. Sein Kopf ist kaputt. Kaputt ist ein Wort, das Samko oft benutzt. Dabei fuchtelt er mit den Hnden. In Kamerun war er Knstler, seit er in Deutschland lebt, ist er zum Nichtstun gezwungen. Wir haben Kraft zum Arbeiten, erklrt er, aber wir drfen nicht.

Am Mittwoch legte das Bundesverfassungsgericht fest, dass Asylbewerber knftig mehr Geld bekommen sollen. Der bisherige Betrag wurde von 225 Euro monatlich auf 345 Euro erhht.

Bei den Heimbewohnern spricht sich die Nachricht langsam herum. Freunde haben uns davon erzhlt, sagt Sophia. Sie bleibt vorerst skeptisch. Die Kenianerin lebt seit eineinhalb Jahren in Potsdam. In ihrer Heimat arbeitete sie als Krankenschwester. Ein Bekannter habe ihr versprochen, dass sie auch in Deutschland ihrem Beruf nachgehen knne. Ihr Sohn sollte spter nachreisen. Daraus wurde nichts. Heute ist Sophias Sohn fnf, lebt bei seiner Oma in Kenia. Mit seiner Mutter telefoniert er ein oder zwei Mal im Monat. fter kann ich es nicht bezahlen, erklrt Sophia.

Zu den Grnden ihrer Flucht sagt sie persnlich und politisch. Sie mchte nicht darber reden. In Deutschland hat sie noch eine Tochter bekommen. Mit dem Vater der Eineinhalbjhrigen ist sie nicht mehr zusammen. Am schlimmsten ist es, nichts zu tun. Da habe ich zu viel Zeit zum Nachdenken, sagt sie, whrend sie in der Spendenausgabe Sachen sortiert. In dem kleinen Kellerraum ist hauptschlich Kleidung gelagert. Strickpullover, Stoffhosen, altmodische Blusen. Im obersten Regalfach stehen ein paar Bcher: Huckleberry Finn, Hochzeit am Honigsee, Der Spavogel. Daneben liegen ein paar Spielsachen. Die Bewohner knnen sich die Dinge kostenlos mitnehmen, erklrt Sophia. Fr die Arbeit bekommt sie vier Euro am Tag. Das ist viel fr jemanden, der von 199 Euro im Monat lebt. Zustzlich bekommt sie 120 Euro fr ihre Tochter. Davon muss ich alles kaufen: Essen, Kleidung, Windeln, Fahrkarten und die Schule. Zwar beteiligt sich das Sozialamt an den Schulkosten, fr die meisten von uns ist der Eigenanteil aber immer noch zu hoch. Wir mchten unbedingt Deutsch lernen, aber zuerst muss ich meiner Tochter Essen kaufen. Beschweren mchte sich die 27-Jhrige nicht. Im Wohnheim seien die Bedingungen gut, die Mitarbeiter hilfsbereit. Auerdem sei es berall besser, als in ihrer Heimat. Bevor ich dahin zurckgehe, bringe ich mich um, fgt sie hinzu.

An diesem Nachmittag ist auch Julius in die Spendenausgabe gekommen. Seit ber einem Jahr ist der gebrtige Kameruner in Potsdam. Er will nicht sagen in welcher Stadt er vorher gelebt hat. Dort wurde er Opfer eines Neonaziangriffs. Neben den krperlichen Verletzungen waren die seelischen Schden besonders schlimm. Die Alptrume waren so schlimm, dass ich in Berlin eine Therapie anfing, sagt er. Das Geld fr die Fahrt sollte er auslegen und spter vom Sozialamt wiederbekommen. Als ich nachfragte, sagten sie mir, dass ich das Geld am Ende der Woche bekomme. Daraus wurde Ende des Monats, dann Ende des nchsten Monats. Bis heute habe ich kein Geld gesehen, so der 32-Jhrige. Generell wrden die Mitarbeiter vom Sozialamt die Asylbewerber wie minderwertige Menschen behandeln, meint Julius: Ich habe das Gefhl, dass sie vollkommen willkrlich entscheiden, ob wir Geld bekommen. Julius ist einer der wenigen, der ber den Grund seiner Flucht spricht. In Kamerun war er Jger. Als ein Politiker tot in seinem Revier gefunden wurde, beschuldigte ihn die Polizei des Mordes. Sie wollten, dass ich die Tat gestehe, sagt er, aber ich kann doch nichts zugeben, was ich nicht getan habe.

Oberbrgermeister Jann Jakobs begrt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Unklar ist jedoch, wer die steigenden Kosten bezahlen soll. Da sich das Land anteilig an den Kosten fr Asylbewerber beteiligt, hoffen wir, dass es sich auch an den Mehrkosten beteiligt, so Rathaussprecher Markus Klier. Bis zu einer endgltigen Entscheidung werde es noch dauern.

Fr die Asylbewerber ist das Geld das eine, die Freiheit zu arbeiten das andere. Sie wollen keine Untersttzung vom Staat, sondern lieber selbst etwas schaffen und Steuern zahlen. Doch je lnger sie warten mssen, sagen die drei, desto mehr verkmmert ihr Verstand. Die momentane Situation sei schlimmer als im Gefngnis. Denn da wssten sie wenigstens, wann sie wieder frei sind. (Von Christin Brauer)
Quelle: www.maerkischeallgemeine.de
    







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